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[Roman] DIE STUNDE DES SAMURAI – Review

03 Nov

cover(mf) Besser als Shogun, schrieb der San Francisco Chronicle als Takashi Matsuokas Romandebüt 2002 in den amerikanischen Handel kam. Nun, wer wäre besser geeignet das zu überprüfen als der legendäre, sagenumwobene, als Shogunexperte weltweit anerkannte PixelRobota?

Ich habe Shogun ungelogen an die zehn Mal gelesen, weil ich a) ein absoluter Japanverrückter bin, b) mich die Samurai seit je her begeistern und c) ich ein großer Bewunderer von James Clavell bin. Clavell hat es in seinem zurecht “Der Roman Japans” untertitelten Werk geschafft, historische Tatsachen mit spannendem thrillerartigem Handlungsverlauf und einem nie dagewesenen (zumindest in nicht-japanischer Literatur) Einblick in die japanische Kultur und Lebensweise, während des Edo-Zeitalters, unter einen Hut bzw. zwischen zwei Buchdeckel zu bringen. Shogun hat uns, wie kein Roman zuvor, Einblick in die japanische Denkweise und sogar sprachliche Finessen verschafft. Matsuokas Erstlingswerk als “besser als Shogun” zu bezeichnen, sah ich deshalb, bevor ich zu lesen begonnen hatte, bestenfalls als anmaßend an.

Die Stunde des Samurai schildert, ähnlich wie der Film The Last Samurai mit Tom Cruise, die Zeit kurz vor dem großen Umbruch, im Zuge dessen Japan sich, unter den modernen Einflüssen der westlichen Welt, radikal gewandelt hat. Obwohl die Japaner ihre Kultur und Gedankenwelt Jahrhunderte lang erfolgreich gegen Einflüsse von außen isoliert hatten, brach mit dem Ende der Satsuma Rebellion 1877 endgültig der westliche Einfluss und dessen Wertvorstellungen über Japan herein und als “antiquiert” geltende Traditionen wie die der Samurai verschwanden in der Versenkung.

Die Handlung von Matsuokas Roman setzt an einem Januarmorgen im Jahr 1861 ein. Drei Amerikaner betreten in der Bucht von Edo (heutiges Tokyo) das fremde, faszinierende Land. Der religiöse Eiferer Cromwel will zusammen mit seiner verlobten Emily eine Mission errichten und heidnische Seelen durch Bekehrung zum Christentum vor der ewigen Verdammnis bewahren. Der Dritte im Bunde ist Matthew Stark, der ganz eigene Pläne verfolgt. Obwohl die als “Barbaren” verschrienen Ausländer auf allgegenwärtige Ablehnung stoßen, finden sie in dem jungen charismatischen Fürsten Genji einen generösen Fürsprecher und Beschützer, der sie mit offenen Armen empfängt. Jedoch hat selbst Genji erbitterte Feinde, die ihm als letzten Nachkommen des Clans der Okumichi nach dem Leben trachten. Und so geraten die drei ahnungslosen Neuankömmlinge zusammen mit ihrem neuen Verbündeten in einen leidenschaftlichen, blutigen Konflikt um Tradition und Macht, um Liebe und Verrat.

Schon im ersten Kapitel vermisse ich die Vielzahl an japanischen Begriffen, wie Rangbezeichnungen und Umgangsformen, die Clavell mir in Shogun so spielerisch wie eindrücklich nähergebracht hatte. Erstaunlicherweise schafft es Matsuoka auch ohne japanische Begriffe vortrefflich die Gegensätze der westlichen Gesellschaft mit der japanischen Gesellschaftsordnung aufzuzeigen. Und auch, wenn ich mich anfangs vielleicht ein wenig dagegen gesträubt hatte, werde ich unweigerlich in die dichte Atmosphäre gezogen und fühle mich Absatz für Absatz mehr ins feudale Japan zurückversetzt. Am Anfang jedes Kapitels begrüßt mich Matsuoka mit einer auf das Folgende passenden Weisheit, die mit Suzume-no-Kumo unterzeichnet ist und aus dem 15. Jahrhundert stammen soll. Erst am Ende offenbart sich, dass es sich hierbei um die niedergeschriebenen Äußerungen des Okumichi Hironobu, Vater von Genji, handelt, dessen Geschichte Genji mit Emiliys Hilfe ins Englische überträgt. Diese Hagakure-ähnlichen, in typisch japanischer Ausdrucksweise verfassten Weisheiten, tragen enorm zu der typischen Japanatmosphäre bei und lassen Kapitel für Kapitel mein Samuraiherz höher schlagen.

Auch nimmt der Roman Kapitel für Kapitel mehr an Fahrt auf und entwickelt sich immer deutlicher zu mehr als nur einem historischen Roman. Matsuoka inszeniert Seite für Seite einen immer rasanter werdenden gut inszenierten Thriller. Mit jedem Detail, das man durch Rückblenden über die handelnden Personen erfährt, fördert Matsuoka gekonnt Sympathien und Antipathien und lässt den Leser Freud und Leid der Figuren nachempfinden. Er springt so gekonnt zwischen einzelnen Zeitabschnitten hin und her, dass ich kaum Glauben kann, dass dies wirklich sein erster Roman ist. Die von den Antagonisten gesponnenen Intrigen, bleiben bis zum Schluss weit verästelt und dennoch nachvollziehbar, weil der Autor haarklein die Motivation für die jeweilige Handlung mitliefert. Auch wenn ich eigentlich undurchsichtige Murakamieske Geschichten bevorzuge, ist es besonders im Falle politischen Ränkespiels, zumindest für mich, eine Genugtuung Vorgehensweisen begreifen zu können – viele Romane und auch Filme ließen mich diesbezüglich allzu oft im Dunkeln tappen.

Mein Fazit:
Als ich das Buch zugeschlagen und zur Seite gelegt habe, musste ich erst einmal Luft holen und das Ganze sacken lassen. Das tue ich nur bei wirklich guten Büchern – Bücher, bei denen man ein Stück weit bereut, dass sie schon zuende sind. Die Stunde des Samurai ist von der ersten bis zur letzten Seite ein Meisterwerk. Warum ich mir eine derartige Bezeichnung erlaube? Das hat zweierlei Gründe. Zum einen möchte ich damit würdigen, dass Takashi Matsuoka mit seinem Debüt als Romancier gleich einen derart “reifen”, komplexen Roman schaffen konnte. Und zum anderen würdige ich damit die Beharrlichkeit und Leidenschaft, mit der sich Matsuoka offensichtlich mit der Vergangenheit und Tradition seines Herkunftslandes auseinandergesetzt hat. Nämlich wurde der kleine Takashi zwar in Japan geboren, wanderte aber bereits im zarten Alter von zwei Jahren mit seinen Eltern nach Amerika aus. Obwohl er dort nach japanischer Tradition erzogen wurde, wuchs er dennoch Quantensprünge von der eigentlichen japanischen Kultur entfernt auf.
Die Stunde des Samurai ist natürlich nicht besser als Shogun, aber auch nicht schlechter. Es ist wie mit Äpfeln und Birnen; sie sehen ähnlich aus, schmecken beide gut, aber sehr verschieden. Da ich auf beides allergisch bin lasse ich das – außerdem hinkt der Vergleich. Shogun ist für mich eines der besten Bücher aller Zeiten und der Schatz meiner Jugend, aber Takashi Matsuokas Die Stunde des Samurai braucht sich nicht dahinter zu verstecken. Ihr solltet sie beide lesen.

 
4 Comments

Geschrieben von am 3. November 2009 in Lektüre

 

4 Antworten zu [Roman] DIE STUNDE DES SAMURAI – Review

  1. Susi Schlinger

    17. November 2009 at 13:17

    Danke für den tollen Artikel. Ich war letzte Woche bereits einmal auf dem Blog hier. Mal sehen, eventuell lockt mich die Suchmaschine ja noch einmal hier her.

     
    • pixelrobota

      25. November 2009 at 22:14

      Vielen Dank. Würden uns freuen, wenn du nochmal vorbeischaust.

       
  2. PowerDrome

    24. November 2009 at 06:15

    Hallo. Kannst du mir bitte erzählen, wie dein Blog Theme heißt? Ich würde das gerne auch für meine Seite verwenden. Danke!

     
    • pixelrobota

      24. November 2009 at 13:43

      Klar, mach ich doch glatt: Der Theme heißt Neo-Sapien – Link findest du oben rechts auf dieser Seite (unter dem Suchfenster).

       

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